Vierzig Prozent. Das ist mehr als die Alternative, die null wäre. Das Rechenbeispiel ist eindeutig, die Insolvenzverwaltern hat es dreimal erklärt. Und trotzdem lehnt ein Teil der Gläubigerversammlung den Plan ab.
Wer nur die Zahlen sieht, sieht Irrationalität. Wer genauer hinschaut, sieht etwas anderes: Menschen, die nicht über eine Quote entscheiden, sondern über das, was diese Quote für sie bedeutet.
Verlust ist keine Zahl
Die Verhaltensökonomie hat seit Daniel Kahneman und Amos Tverskys Arbeiten in den 1970er Jahren einen Befund immer wieder repliziert: Menschen reagieren auf Verluste stärker als auf gleichwertige Gewinne. Ein Verlust von tausend Euro wiegt psychologisch schwerer als ein Gewinn von tausend Euro leicht. Das ist keine Schwäche im Denken — es ist eine strukturelle Eigenschaft menschlicher Entscheidungsfindung.
In Gläubigerverhandlungen bedeutet das: Wer Geld verloren hat, sitzt nicht an einem neutralen Verhandlungstisch. Er sitzt dort mit dem Gefühl des Verlusts, der Frage nach Verantwortung und manchmal mit dem Impuls, zumindest im Nein die Kontrolle zurückzugewinnen. Eine Quote, die ökonomisch die beste verfügbare Option ist, trifft auf eine Geldpsychologie, die Verluste als persönliche Niederlage erlebt — oder als Beleg für ein altbekanntes Muster, dem man nie ganz entkommen ist.
Was in der Gläubigerversammlung mitverhandelt wird
Eine Sanierungsverhandlung ist aus juristischer und betriebswirtschaftlicher Perspektive eine Verhandlung über Quoten, Zeitpläne und Sicherheiten. Aus geldpsychologischer Perspektive ist sie zugleich eine Verhandlung über Gerechtigkeit — darüber, wer wie viel Verantwortung trägt und ob das Verfahren dieser Verantwortung Rechnung trägt.
Gläubiger, die einem Plan nicht zustimmen, tun das selten ohne Grund. Manchmal ist der Grund sachlicher Natur — sie bezweifeln die Prognosen, misstrauen der Schuldnerin, sehen Risiken, die im Plan nicht abgebildet sind. Das lässt sich mit Zahlen und Informationen adressieren. Aber manchmal liegt der Grund woanders: in dem Gefühl, dass die Insolvenz vermeidbar gewesen wäre, dass Fehler nicht benannt wurden, dass andere Beteiligte günstiger davonkommen als sie selbst.
Das sind keine irrationalen Einwände. Es sind Gerechtigkeitsfragen — und die lassen sich mit Zahlen allein nicht beantworten.
Die Forschung zur prozeduralen Gerechtigkeit
Die Gerechtigkeitsforschung unterscheidet zwischen dem Ergebnis einer Verhandlung und dem Prozess, durch den es zustande kommt. John Thibaut und Laurens Walker haben 1975 gezeigt, dass die Zufriedenheit der Beteiligten wesentlich davon abhängt, ob sie sich gehört und respektiert gefühlt haben — und weniger vom konkreten Ausgang. Wer den Prozess als fair erlebt hat, akzeptiert ein ungünstiges Ergebnis eher.
Für die Insolvenzpraxis bedeutet das: Wie eine Gläubigerversammlung moderiert wird, wie Fragen beantwortet werden, ob Bedenken ernstgenommen oder abgehakt werden — das beeinflusst die Abstimmungsbereitschaft mindestens so stark wie die Höhe der Quote. Eine Versammlung, in der Gläubiger das Gefühl haben, dass ihr Verlust gesehen und nicht nur verrechnet wird, kommt zu anderen Ergebnissen als eine, die wie eine Pflichtveranstaltung geführt wird.
Muster erkennen, bevor sie die Abstimmung kippen
Geldpsychologische Prägungen zeigen sich in Gläubigerversammlungen in erkennbaren Signalen. Wenn jemand auf der Verantwortungsfrage beharrt — wer hat Fehler gemacht, warum wurde nicht früher gehandelt — geht es häufig nicht mehr um Information. Es geht darum, dass der Verlust eine Ursache hat, dass jemand verantwortlich ist. Das Bedürfnis dahinter ist Gerechtigkeit, nicht Aufklärung.
Wenn jemand eine wirtschaftlich überzeugende Quote ablehnt und stattdessen auf Liquidation besteht, obwohl das zu einem schlechteren Ergebnis führen würde, ist der Impuls häufig kein rechnerischer. Es ist der Impuls, nicht als derjenige dazustehen, der verloren hat und das auch noch akzeptiert. Die Ablehnung des Plans ist dann eine Form der Kontrolle in einer Situation, in der die Kontrolle längst verloren wurde.
Was Insolvenzverwalter*innen damit anfangen können
Der Auftrag der Insolvenzverwaltung ist rechtlicher und wirtschaftlicher Natur — kein psychologischer. Aber wer versteht, welche Logik hinter bestimmten Widerständen steckt, kann anders darauf reagieren.
Gläubiger, die auf der Verantwortungsfrage beharren, brauchen manchmal zuerst Raum für diese Frage — bevor sie bereit sind, über die Quote nachzudenken. Ein Satz wie „Ich höre, dass Sie das Gefühl haben, dieser Verlust wäre vermeidbar gewesen“ kostet nichts und verändert die Gesprächsdynamik. Er signalisiert, dass der Verlust gesehen wird — nicht nur verwaltet.
Gläubiger, die einer wirtschaftlich sinnvollen Quote misstrauen, brauchen Nachvollziehbarkeit: nicht mehr Zahlen, sondern ein Bild davon, wie die Prognose zustande gekommen ist und warum sie trägt. Die Frage ist nicht, ob sie die Zahlen verstehen — das tun die meisten. Die Frage ist, ob sie den Personen hinter den Zahlen vertrauen.
Insolvenzverfahren sind strukturell asymmetrisch: Eine Seite hat verloren, bevor die Verhandlung beginnt. Das zu ignorieren macht die Gespräche nicht effizienter. Es macht sie schwieriger.
Welche Widerstände in Gläubigerversammlungen haben Sie erlebt, die sich mit sachlichen Argumenten allein nicht auflösen ließen?
