Zwei Kolleginnen, die sich gegenseitig nicht ausstehen können. So lautet die Diagnose der Führungskraft, die mich anruft. Seit Monaten. Immer wieder Reibungen, immer wieder Eskalationen, und die Führungskraft in der Mitte, die nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Der naheliegende Vorschlag: ein Kommunikationstraining. Die beiden sollen lernen, konstruktiver miteinander zu reden.
Ich frage ein paar Dinge. Wer ist wofür zuständig? Wer entscheidet was? Wer berichtet an wen?
Die Antworten sind vage. Beide Kolleginnen bearbeiten ähnliche Themen. Beide bekommen Aufträge von verschiedenen Stellen im Haus. Beide haben das Gefühl, dass die andere in ihr Territorium eindringt – weil es kein klar definiertes Territorium gibt.
Das ist kein Beziehungskonflikt. Das ist ein Strukturkonflikt, der auf zwei Menschen projiziert wird.
Das Problem mit dem Kommunikationstraining
Kommunikationstrainings sind die meistgebuchte Antwort auf Teamprobleme. Das hat gute Gründe: Sie sind sichtbar, planbar, und vermitteln das Gefühl, etwas zu tun. Außerdem lassen sie sich gut begründen – wer würde ernsthaft argumentieren, dass bessere Kommunikation schadet?
Das Problem ist nicht das Training selbst. Das Problem ist, wann es eingesetzt wird.
Wenn zwei Menschen in einem strukturellen Spannungsfeld arbeiten – unklare Zuständigkeiten, konkurrierende Aufträge, fehlende Entscheidungsregeln –, dann hilft ein Kommunikationstraining ungefähr so viel wie ein gutes Gespräch über Fahrstil, wenn die Ampelschaltung kaputt ist. Es macht die Situation erträglicher. Es löst sie nicht.
Was Rollenkonflikte von Beziehungskonflikten unterscheidet
Der Unterschied ist weniger intuitiv, als er klingt – und er ist entscheidend für die richtige Intervention.
Ein Beziehungskonflikt entsteht zwischen zwei Menschen, die unterschiedliche Werte, Kommunikationsstile oder persönliche Geschichten mitbringen. Er ist personengebunden. Wechselt eine Person, verändert sich die Dynamik.
Ein Rollenkonflikt entsteht, weil eine Position im System unklar definiert ist. Wer auch immer diese Position besetzt, wird in dieselbe Spannung geraten. Der Konflikt ist nicht personengebunden – er ist strukturgebunden. Wechselt eine Person, kommt die nächste, und nach einigen Monaten hat die Führungskraft dasselbe Gespräch mit anderen Namen.
Das klingt nüchtern. Es ist aber auch entlastend: Wenn das Problem strukturell ist, ist es keine Frage des Charakters oder der Persönlichkeit der Beteiligten. Es ist eine Frage der Organisation.
Warum komplexe Organisationen Rollenkonflikte systematisch produzieren
In einfachen Strukturen sind Rollen meist klar. Wer macht was, wer entscheidet was, wer trägt Verantwortung wofür – das ist geregelt, auch wenn es nicht immer gut geregelt ist.
In komplexen Organisationen – Matrixstrukturen, Projektorganisationen, Behörden mit gewachsenen Zuständigkeiten, Unternehmen im Transformationsprozess – ist das anders. Hier entstehen fast zwangsläufig:
- Positionen, deren Aufgaben sich überlappen
- Verantwortlichkeiten, die nicht mit Entscheidungsbefugnissen gekoppelt sind
- Informationsflüsse, die an Hierarchiegrenzen enden
- Erwartungen an Rollen, die nie explizit besprochen wurden
Das ist kein Versagen der beteiligten Menschen. Es ist das Ergebnis von Wachstum, Reorganisationen und dem grundsätzlichen Problem, dass Organigramme immer vereinfachen, was in der Realität komplexer ist.
Was das für die Führungskraft bedeutet
Die unbequeme Konsequenz: Manche Teamprobleme lassen sich nicht auf der Beziehungsebene lösen. Nicht weil die Führungskraft zu wenig gemacht hat, sondern weil das Problem auf einer anderen Ebene liegt.
Das bedeutet nicht, dass nichts getan werden kann. Aber es bedeutet, dass die richtige Frage nicht „Wie können diese beiden besser miteinander reden?“ lautet, sondern: „Warum entstehen hier immer wieder dieselben Reibungen – und was sagt das über die Struktur, in der sie arbeiten?“
Manchmal führt das zu einer Klärung, die die Führungskraft selbst vornehmen kann: ein Gespräch über Zuständigkeiten, ein explizites Working Agreement, eine gemeinsame Verständigung darüber, wer welche Entscheidungen trifft. Manchmal braucht es einen Blick von außen – weil der interne Blick zu nah dran ist, um das Muster zu sehen.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass in Ihrem Team immer wieder dieselben Spannungen auftauchen, egal was Sie tun: Das ist ein gutes Signal, um einmal genauer hinzuschauen, auf welcher Ebene das Problem tatsächlich liegt.
Das erste Gespräch dient der Orientierung – gemeinsam schauen wir, ob und wo es sinnvoll wäre anzusetzen.
