„Wir teilen alles 50/50 – das ist doch fair, oder?
Kommt darauf an: Denn 50/50 klingt nach Gleichheit. Aber Gleichheit ist nicht immer Gerechtigkeit. Vor allem nicht, wenn eine 4.500 Euro netto verdient und der andere 2.200 Euro.
Das Problem mit 50/50
Stellen Sie sich vor: Er verdient 5.000 Euro, sie 2.500 Euro. Beide zahlen 1.200 Euro für Miete, Essen, gemeinsame Ausgaben. Was bleibt übrig?
Er: 3.800 Euro
Sie: 1.300 Euro
Er kann investieren, sich Freiheiten leisten, Rücklagen bilden. Sie kommt gerade so über die Runden. Beide haben „gleich viel gezahlt“ – aber die Konsequenzen sind dramatisch unterschiedlich. Das ist nicht fair. Das ist mathematische Gleichheit, die strukturelle Ungleichheit produziert.
Was bedeutet finanzielle Fairness wirklich?
Finanzielle Fairness in der Beziehung bedeutet nicht, dass beide dasselbe zahlen. Sie bedeutet, dass beide nach demselben Prinzip beitragen. Dieses Prinzip kann sein:
1. Proportional zum Einkommen
Jeder zahlt den Anteil, der seinem Einkommen entspricht. Bei 5.000 zu 2.500 Euro wäre das 67% zu 33%. Bei 2.400 Euro Gesamtkosten zahlt er 1.600 Euro, sie 800 Euro.
Vorteil: Beide haben am Monatsende ähnlich viel übrig.
Nachteil: Kann sich für den Besserverdienenden ungerecht anfühlen („Ich zahle mehr!“).
2. Gleicher Lebensstandard
Beide orientieren sich am niedrigeren Einkommen. Gemeinsame Ausgaben werden so gewählt, dass beide sie sich leisten können.
Vorteil: Niemand wird strukturell überfordert.
Nachteil: Der Besserverdienende verzichtet auf Lebensstandard, den er sich leisten könnte.
3. Funktionale Arbeitsteilung
Einer verdient mehr Geld, der andere übernimmt mehr Care-Arbeit (Kinder, Haushalt, Organisation). Der finanzielle Beitrag wird als Ausgleich verstanden.
Vorteil: Erkennt unbezahlte Arbeit als Wert an.
Nachteil: Kann zu Abhängigkeit führen, wenn nicht bewusst gestaltet.
Welches Modell ist „richtig“? Keines. Und alle. Die Frage ist nicht, welches Modell objektiv fair ist. Die Frage ist: Welches Modell fühlt sich für Sie beide fair an?
Die Psychologie hinter finanzieller (Un-)Gerechtigkeit
Was Menschen als „fair“ empfinden, ist nicht rational. Es ist emotional. Und es ist stark von Prägungen geprägt. Typische Glaubenssätze, die finanzielle Fairness blockieren:
- „Wer mehr verdient, hat mehr Rechte“
Dieser Glaubenssatz führt dazu, dass der Besserverdienende – bewusst oder unbewusst – mehr Entscheidungsmacht beansprucht. Das vergiftet die Beziehung. - „Ich will nicht abhängig sein“
Wer weniger verdient, fühlt sich schnell in der schwächeren Position. Das führt zu Abwehrverhalten: Man zahlt mehr, als man sich leisten kann, um nicht „bedürftig“ zu wirken. - „Ich habe das Geld verdient, also gehört es mir“
Dieser Glaubenssatz übersieht, dass Einkommen oft nicht nur Leistung ist, sondern auch Glück, Branche, Geschlecht, Bildungshintergrund. - „Geld darf kein Thema sein in einer Beziehung“
Der gefährlichste Glaubenssatz. Er verhindert, dass Paare überhaupt über Fairness sprechen – bis der Frust irgendwann explodiert.
Wie kommen Sie zu Ihrer Definition von Fairness?
Schritt 1: Machen Sie die aktuelle Situation transparent
Rechnen Sie aus:
- Was zahlt jeder aktuell?
- Was bleibt jedem am Monatsende?
- Wie viel Prozent des Einkommens fließt in Gemeinschaftsausgaben?
Oft ist Paaren gar nicht bewusst, wie ungleich die Belastung verteilt ist.
Schritt 2: Sprechen Sie über Ihre Bedeutung von Fairness
Was bedeutet „fair“ für Sie? Fragen Sie sich:
- Wann fühle ich mich ausgenutzt?
- Wann fühle ich mich respektiert?
- Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen?
Diese Fragen haben keine richtige Antwort. Aber sie sollten gestellt werden.
Schritt 3: Definieren Sie gemeinsam Ihr Modell
Entwickeln Sie ein System, das für beide stimmig ist. Das kann ein Hybrid sein. Zum Beispiel:
- Grundkosten (Miete, Versicherungen) → proportional
- Alltag (Essen, Haushalt) → 50/50
- Luxus (Urlaube, Hobbys) → jeder zahlt selbst
Wichtig: Es muss sich für beide gerecht anfühlen. Nicht objektiv gerecht sein.
Zum Beispiel
Lena verdient 2.800 Euro netto und Tom 5.200 Euro netto.
Eine mögliche Lösung:
Gemeinsames Konto für Fixkosten (proportional)
Lena: 35% = 980 Euro
Tom: 65% = 1.820 Euro
Gesamtkosten: 2.800 Euro (Miete, Strom, Versicherungen)
Gemeinsames Konto für Alltag (50/50)
Jeder: 400 Euro
Für Lebensmittel, Haushalt, kleinere gemeinsame Ausgaben
Privates Budget (komplett getrennt)
Lena: 1.420 Euro (für Rücklagen, Hobbys, private Wünsche)
Tom: 2.980 Euro (für Rücklagen, Hobbys, private Wünsche)
Ergebnis: Lena hat genug finanzielle Autonomie. Tom sieht, dass seine höhere Belastung anerkannt wird.
Was ist mit unbezahlter Arbeit?
Ein oft übersehener Punkt: finanzielle Fairness muss Care-Arbeit mitdenken. Wenn einer weniger verdient, weil er mehr Care-Arbeit leistet (Kinder, Haushalt, Elternpflege), ist das keine „freie Entscheidung“. Es ist eine strukturelle Konsequenz. In diesem Fall kann finanzielle Fairness bedeuten:
- Getrennte Konten, aber Ausgleichszahlungen
- Gemeinsames Vermögen trotz unterschiedlicher Einkommen
- Altersvorsorge für den Care-Arbeit-Leistenden wird vom Besserverdienenden mitfinanziert
Wann wird finanzielle Ungerechtigkeit zum Beziehungsproblem?
Nicht jede Asymmetrie ist ein Problem. Aber Warnsignale sind:
- Einer muss ständig um Erlaubnis fragen
- Finanzielle Entscheidungen werden einseitig getroffen
- Einer fühlt sich dauerhaft abhängig oder ausgenutzt
- Geld wird als Machtmittel eingesetzt („Ich verdiene es, also entscheide ich“)
Wenn diese Dynamiken da sind, hilft kein Excel-Modell. Dann braucht es Geldpsychologie und Beziehungsarbeit.
Fazit: Fairness ist Verhandlungssache
Es gibt keine objektiv faire Lösung. Es gibt nur die Lösung, die für Sie beide passt. Finanzielle Fairness entsteht nicht durch Mathematik. Sie entsteht durch Kommunikation. Durch Transparenz. Durch die Bereitschaft, die Perspektive des anderen zu verstehen. Und manchmal durch professionelle Begleitung – wenn die Gespräche alleine nicht weitergehen.
