‚Wir können uns das leisten‘ – oder doch nicht? Wie Sie als Paar Ihr realistisches Immobilien-Budget finden

Die Bank sagt: „Wir geben Ihnen 500.000 Euro Kredit.“

Ihre Eltern sagen: „Kauft lieber kleiner, dann habt ihr weniger Risiko.“

Ihr Makler sagt: „In dieser Lage müssen Sie mindestens 650.000 ausgeben.“

Ihr Bauchgefühl sagt: „Das fühlt sich zu viel an.“

Ihr Partner sagt: „Wir schaffen das schon.“

Und Sie? Sie wissen nicht mehr, wem Sie glauben sollen.

Das Problem: Jeder rechnet anders – und alle haben ein Interesse

Die Bank rechnet: Maximale Belastbarkeit. „Was können wir Ihnen noch geben, ohne dass Sie theoretisch zahlungsunfähig werden?“

Ihre Eltern rechnen: Vorsicht. „Was hätten wir uns damals getraut?“ (Vor 30 Jahren, andere Zinsen, andere Welt)

Der Makler rechnet: Provision. „Was müssen Sie ausgeben, damit ich verdiene?“

Ihr Partner rechnet: Optimismus. „Unser Gehalt steigt ja noch. Wir bekommen vielleicht eine Erbschaft. Irgendwas wird sich schon ergeben.“

Aber niemand rechnet: Was könnt ihr euch wirklich leisten – ohne Angst, ohne Stress, ohne euer Leben für 30 Jahre an einen Kredit zu binden, der euch nachts nicht schlafen lässt?

„Wie viel Kredit gibt die Bank?“ ≠ „Wie viel können wir uns leisten“

Das ist der fundamentale Irrtum.

Die Bank rechnet:

  • Ihr Nettoeinkommen (aktuell)
  • Minus Lebenshaltungskosten (Pauschale, oft zu niedrig)
  • Minus andere Verpflichtungen
  • = Maximale monatliche Rate, die Sie theoretisch zahlen könnten

Die drei Budget-Fallen

Falle 1: Das Bank-Budget (zu optimistisch)

Wie es funktioniert: Bank rechnet maximal. Sie orientieren sich daran.

Warum es gefährlich ist: Kein Puffer. Keine Flexibilität. Jede unerwartete Ausgabe wird zur Krise.

Falle 2: Das Traum-Budget (ignoriert Realität)

Wie es funktioniert: „Wir wollen dieses Haus. Irgendwie schaffen wir das schon.“

Warum es gefährlich ist: Hoffnung ist keine Strategie.

Falle 3: Das Angst-Budget (zu pessimistisch)

Wie es funktioniert: „Lieber 150.000 Euro weniger, dann sind wir auf der sicheren Seite.“

Warum es problematisch ist: Sie verpassen Chancen. Kaufen zu klein oder in schlechter Lage. Bereuen es später.

Geldpsychologie: Unterschiedliche Risikoprofile bei Paaren

Die größte Herausforderung bei der Budget-Findung ist, dass Sie möglicherweise unterschiedliche Risikoprofile haben.

Risikoprofil Sicherheit

Erkennungsmerkmale:

  • „Was, wenn wir beide den Job verlieren?“
  • „Was, wenn die Zinsen steigen?“
  • „Was, wenn das Haus kaputt geht?“

Glaubenssatz: „Geld kann jederzeit verschwinden. Ich will nachts ruhig schlafen können.“

Budget-Tendenz: Unterschätzt, was tragbar ist. Will lieber 100.000 Euro weniger ausgeben – „zur Sicherheit“.

Herkunft (oft): Finanzielle Unsicherheit in der Kindheit. Arbeitslosigkeit, Schulden, Existenzangst.

Risikoprofil Optimistisch

Erkennungsmerkmale:

  • „Unser Gehalt steigt ja noch.“
  • „Wir schaffen das schon.“
  • „In 10 Jahren haben wir das abbezahlt.“

Glaubenssatz: „Es wird schon alles gutgehen. Probleme lösen wir, wenn sie da sind.“

Budget-Tendenz: Überschätzt, was tragbar ist. Will das Traumhaus – „irgendwie wird’s schon gehen“.

Herkunft (oft): Finanzielle Sicherheit in der Kindheit. Geld war immer da. Keine Existenzangst.

Der Konflikt

Sicherheit will: 350.000 Euro ausgeben (fühlt sich sicher an)

Optimistisch will: 520.000 Euro ausgeben (fühlt sich möglich an)

Differenz: 170.000 Euro.

Das ist kein Rechenstreit. Das ist ein Werte-Konflikt. Und es ist erstmal wichtig, dass Sie sich das auch bewusst machen! Daher hilft es auch nicht, wenn eine Seite nachgibt oder Sie sich auf einen Kompromiss um 420.000 Euro herum einigen. Vor allem, wenn Sie nicht mal wirklich rechnen, sondern sich weiter von Ihren Gefühlen leiten lassen.

Mein Tipp: Holen Sie den Taschenrechner und die Exceltabellen raus und rechnen Sie! Das ist eine der wichtigsten finanziellen Entscheidungen, die Sie in Ihrem Leben treffen werden. Da müssen Sie jetzt wirklich pingelig werden.

Hilfreiche Leitplanken

Berechnen Sie die maximale Belastung und die komfortable Belastung. Orientieren Sie sich an der komfortablen Belastung. Nicht an der maximalen.

Maximale Belastung: Was Sie theoretisch zahlen könnten, wenn Sie an allen Ecken sparen.

Komfortable Belastung: Was Sie zahlen können, ohne Ihr Leben drastisch einzuschränken.

Wie sieht es im Worst-Case aus? Könnten Sie die Rate auch mit einem Gehalt bezahlen? Und was ist unser Plan, falls das passiert? Das ist die Frage, die Sie nachts ruhig schlafen lässt.

Die Puffer-Rechnung: Was Sie zusätzlich brauchen

Ein Haus kostet nicht nur die Rate. Es kommen Zusatzkosten:

Laufend:

  • Nebenkosten (Strom, Wasser, Müll)
  • Instandhaltungsrücklage: 1% vom Kaufpreis/Jahr (bei 400k = 333 Euro/Monat)
  • Grundsteuer
  • Versicherungen (Wohngebäude, Haftpflicht)

Einmalig:

  • Kaufnebenkosten (Notar, Grunderwerbsteuer, Makler): 10-15% vom Kaufpreis
  • Renovierung (oft unterschätzt)
  • Einrichtung

Häufige Einwände – und warum sie nicht ziehen

„Aber die Bank hat doch gerechnet. Die wissen, was geht.“

Die Bank rechnet maximal tragbar – nicht komfortabel tragbar. Die Bank trägt kein Risiko (Sie sind versichert). Sie schon.

„Unser Gehalt steigt ja noch.“

Vielleicht. Vielleicht nicht. Bauen Sie nicht auf Annahmen. Rechnen Sie mit dem, was Sie heute haben.

„Andere schaffen das doch auch mit höheren Raten.“

Andere haben vielleicht:

  • Mehr Eigenkapital
  • Keine Kinder
  • Zwei sichere Jobs
  • Finanzielle Unterstützung von Eltern

Vergleichen Sie sich nicht. Rechnen Sie für sich.

„Wenn wir jetzt nicht kaufen, wird’s noch teurer.“

Mag sein. Aber besser, später zu kaufen, als sich zu übernehmen und notverkaufen zu müssen.

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